bodypics

Project

Event • One Love Festival`16

www.onelovefestival.ch

Der Weg nach Filisur bietet auch um 8 Uhr Morgens ein Ritual, das wohl jedes Festival mit mehr als 1000 Besuchern vor und nach sich zieht: Polizeikontrolle! Wir werden durchgewunken: zwei halbwegs gewaschene Männer mit Bündner Nummernschild – das können gar keine Dealer sein. Ein wenig enttäuscht bin ich schon, ehrlich gesagt. Es nagt an meiner Coolnes-Selbstwahrnehmung. Cool Level: Novize.
5 Kinder von 6 Vätern
Am Ufer der Albula, kurz vor dem ehrenwerten Bellaluna, dem sagenumwobenen Todesort der Paula Roth, beziehen wir Platz neben einem indianischen Tipi und montieren unsere 4 Meter hohen Holzträger wieder ab, um Feuerwerk und Zünder anzubringen. Allzu weit kommen wir da zu zweit noch nicht. Wir erwarten unsere Kollegen erst in einigen Stunden, bis dann bleibt Zeit zum stöbern in Hippie-Bräuchen. Umso spannender, dass uns die Bewohnerin des erwähnten Indianer-Tipi (mit Strom) stante pede als ihre persönlichen Fahrer engagiert. Zeit haben wir ja, alles geht gemütlich vor sich hin.
Die gute Dame ist Schamanin. Sie habe 5 Kinder von 6 Vätern. Spätestens nach dieser Aussage finde ich Sie toll. Wir seien herzlich eingeladen, mit ihr das «Healing»-Ritual auf dem Mainfloor zu feiern. Sie werde Kraftsteine verteilen, Räuchern und danach den Segen erteilen im Menschenkreis. Nur damit wir uns richtig verstehen, das passiert hier wirklich: der Mainfloor der Party wird Samstag Mittag von einer Schamanin eingeweiht und Gimma trägt ihr die heilenden Steine (ca. 40 Kilo total) nach.
Die Antwort auf das Mülldebakel
5000 Tickets seien verkauft, maximal 6000 Leute zugelassen. Je nach dem, wen man fragt, auch mehr erwartet. Die Security ist zahlreich, aber gut gelaunt und diskret. Viele Leute tragen Batches und haben irgendwas zu tun an der Bar, auf einer Bühne, in einem Zelt, Aufbau, Abbau, Sanität oder eben Schamanin oder Yoga-Lehrer oder Silberschmuck aus Mexiko. Finger im Po. Apropos Pos:
Das Festival besticht nicht nur durch die grosse Bereitschaft, als Gast etwas beizutragen, nein, es ist die Antwort auf die letztjährigen Müll-Debakel der grossen Sommer-Festivals. Und diese Antwort geht weit: die Toiletten Bio und kompostierbar, sämtliche Bühnen und Attraktionen werden hauptsächlich aus Holz gefertigt, die detailverliebte Deko aus Holz, Essen (Vegi und Vegan erhältlich) im Mehrweggeschirr, Kaffee (von mexikanischen Freiheitskämpfern) in der Keramik-Tasse, alles Mehrweg, Bio, Müll wird getrennt (!), Wasser überall umsonst, jeder bekommt einen verschliessbaren Pocket-Aschenbecher für sein Gerauche… andere Festivals machen leider Schlagzeilen mit Müll und ich hoffe deshalb, dieses macht Schlagzeilen mit dem viel sympathischeren Gegenteil. Und wenn das Staunen darüber gerade am grössten ist, streunt man durchs Gelände und bemerkt erst die Deko:
Ein Hängematten-Wald, 5 verzierte Holzbrücken (werden nach dem Festival komplett abgebaut), geschnitzte und wunderschön-zugesägte Holzbänke mit Verzierungen, unzählige Tuch-Installationen, ein Telefon über den Fluss, Yoga-ChillOut, jedes Schild handgeschrieben und verziert. Es steckt soviel Liebe im Detail, dass sogar ich alter Griesgram nach dem schamanischen Ritual im «Mothership» kurz zu Bob Marleys «One Love» vor mich hinschunkle, bevor es in die elektronische Fanfare übergeht. Da fliehe ich dann lieber, das ist mir tagsüber noch etwas zu viel.
4dl Bündner Qualitäts-Bier im Mehrwegbecher kosten weniger als in meiner Stammkneipe, sogar mit Depot. Mich freut’s, ich schlage zu. Alle paar Meter erkennt mich irgendwer und ich freue mich über die Gespräche mit diesen Hippies aus allen Ecken der Schweiz, die sich wiederum über mich freuen. Ich vermute, Cannabis hat zu dieser tollen Freuden-Stimmung bei einigen beigetragen. Die Nummernschilder auf dem hinter dem etwas abgelegenen Camping liegenden Parkplatz stammen aus ganz Europa. Mehrere Cars sind angereist. Es wird englisch und italienisch gesprochen um mich herum. Ich grinse auf Schweizerdeutsch und helfe einer Spanierin bei ihrer Parkkarten-Problematik. Sie verkauft mit ihrem Mann Schmuck, neben dem Mainfloor, auf einem Tisch. Und tanzt dabei elegant. Kann man machen.
Um 22 Uhr jagen wir die Pyro hoch und die Leute klatschen. Sie klatschen dankbar nach jeder Darbietung: Feuerjongleure, Hackbrett, DJ, Yoga, halbnackter Typ hüpft im Handstand: es gibt Applaus für jeden. Sogar die Security klatscht mit. Vielleicht haben die ja auch gekifft?
Mit der untergehenden Sonne verändert sich die Optik des Festivals stark. Das Gelände ist unfassbar clever ausgeleuchtet. Die Tücher fluoreszieren, Kerzen schwimmen im jetzt farbigen Fluss, hier und da brennt etwas Kleines und UV-Fäden werden allerorts erkennbar. Und wem das noch zu wenig ist, der entdeckt auf den Floors verschiedene Mappings und Projektionen. Ich möchte mir gar nicht erst vorstellen, wie das auf LSD wirken muss. Mein Kollege stellt die Theorie auf, dass es völlig normal aussehen müsste, da es für uns ja aussieht, wie auf LSD. Ergo müsse es auf LSD wieder normal sein. Hippie-Mathe, logo oder?
«Die Musik ist nicht meins»
Musik, ganz so ohne Stars oder überbezahlte Sternchen auf 4 Floors, bei zig Dutzend Acts. Wie damals als Techno noch «faceless» war, kurze Zeit. Ich schunkle stundenlang mit Bier in der Hand über das grosse Gelände und bestaune Details, wissend, grinsend. Die Musik ist nicht meins, das muss man schon mögen. Abgesehen von einem frühen Live-Act von Jack, mit Hackbrett aus dem Appenzell und Bongo vom Dani, da blieb ich etwas länger stehen in der stampfenden Menge am Staub fressen. Mit dem Bongo-Dani ziehe ich später nochmals über die Floors. Er ist funny as hell. Verkleidete Tänzer nennt er Muppet Show und er errechnet mir 1500 Monate Strafvollzug pro Festival-Floor, circa. Hippie-Mathe, logo, oder?
Gegen die Morgenstunden mehren sich die Gespenster und betretenen Feierlinge. Manch einer hat von etwas zu viel oder zu wenig, man erkennt es nicht. Das ist aber im Club auch nicht anders, das kennt man eben doch. Mich stört das nicht, solange es friedlich bleibt. Und das tut es. Am ersten Festivaltag musste die Sanität nur genau 4 Mal ausrücken. Und zwar jedes mal wegen Bienenstichen. Ein Allergiker musste ins Spital. Die feine Natur hat eben auch ihre Meinung zu diesem Festival, egal wie Bio alles ist.
Nach einer langen bierseligen Nacht kehren wir wieder nach Hause. Die andern haben schliesslich Familie. Wir sortieren noch lethargisch unser Holz und den Abfall der Pyro-Show aus, bringen das Holz zur Sammelstelle und haben somit haargenau einen Karton voll Müll produziert – und den nehmen wir erst noch nach Hause. Das Gelände sieht erstaunlich sauber aus. Das Auto riecht auch nicht mehr nach Schamanen-Weihrauch. Sie wünscht uns beim Kafi noch eine gute Fahrt und macht dabei Gebetshände. ich fühle mich ernsthaft awesome. Oder übermüdet, plus fröhlich.

Quelle: Gimma – Blick am Abend

All original content on these pages is fingerprinted and certified by Digiprove